Samstag, 2. Juni 2012

Ein Fleckchen Paradies

So, wieder mal ein Bericht von mir. Manchmal weiss ich nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Ich habe im Moment so viel zu tun, dass ich ausser am Wochenende kaum dazu komme, einen Bericht zu schreiben. Letztens waren wir im "Arboretum d'Antsokay". Dies ist eine Art "Baumschule", welche über 900 verschiedene Pflanzenarten aus dem Südwesten von Madagaskar enthält. 90% dieser Pflanzen sind endemisch, das heisst man findet sie nirgends anderswo auf dieser Welt. 80% der Pflanzen werden für medizinische Zwecke verwendet. Es war eine Wohltat, im schon sehr weit abgeholzten Madagaskar einen solchen Flecken bewaldeter Erde zu besuchen. Aber seht selbst:



Ein noch kleiner Baobab (wissenschaftlicher Name: Adansonia).
Sieht aus wie ein Baobab, ist aber keiner, sondern ein Pachypodium.
Es sind auch etliche kleinere und grössere Tiere zu beobachten. Wer findet in diesem Bild zwei?
Das erste Tier, eine Eidechse, gut getarnt am Baumstamm.
Das zweite eine Art Wespe, welche sich am Nektar der Blumen genüsslich tut.





Nationalfeiertag auf Madagassisch (der Nationalfeiertag ist erst am 26. Juni, doch die Kinder wärmen sich schon dafür auf :-). Was bei uns Frauenfürze und Tönder sind, sind bei den Madagassen ausgediente Zündkerzen und Streichhölzer:


Zuerst werden in die Zündkerze drei bis vier Streichholzköpfe gestopft. Danach wird eine Schraube in die Zündkerze eingeführt und mit Draht fixiert. Diese "Bombe" wird dann mit aller Kraft auf den Boden gedonnert, damit sich die Streichhölzer entzünden. Das ganze resultiert in einem lauten Knall. Der Vorteil dieser Konstruktion: sie kann immer wieder verwendet werden, alles was man dazu braucht sind Streichhölzer :-)
Der Sohn von unserem Nachbarn und Wächter. Patrick heisst der Lausbub.
Bei uns im und ums Haus tut sich auch immer etwas. Neuste Bastelei: ein Sonnenschirm auf der Terrasse. Dies ist aber nur ein "Prototyp", nächstens werde ich etwas fixes installieren. Das Problem bei uns ist halt, dass es manchmal recht stark windet, also können wir keinen normalen Sonnenschirm aufstellen...


Ich wünsche euch allen ein schönes Wochenende und bis bald.

Matthias

Samstag, 12. Mai 2012

Auf Geschäftsreise

Lange lange habe ich mich nicht gemeldet! Darum ist es jetzt wieder mal an der Zeit euch zu berichten, was bei mir so läuft.

Wie der Titel schon verrät war ich letztens beruflich unterwegs. Wenn man "Geschäftsreise" liest, denkt man wahrscheinlich als erstes an gut gekleidete Geschäftsmänner in teuren Autos oder in der ersten Klasse sitzend, gepflegt in feinen Restaurants essend und bei einem guten Glas Wein oder Whisky über wichtige Geschäfte diskutierend. Nun, das ist vielleicht ein bisschen überspitzt dargestellt. Doch man kann sich leicht vorstellen, dass "Geschäftsreise" hier in Madagaskar wohl eher lange Fahrten auf staubigen Strassen und einfaches Essen in anspruchslosen Lokalen bedeutet.

So ist es mir vor zwei Wochen ergangen, als wir von Tuléar nach Ejeda gefahren sind. Acht Stunden Fahrzeit auf holprigen Wegen ist nicht gerade das, was man unter einer Luxusreise versteht. Wenn man dazu bedenkt, dass die Strecke weniger als 250 Kilometer beträgt, dann kann man sich den Zustand der Strasse einfach ausmalen.
Die Strasse nach Ejeda hat den grossspurigen Namen RN10 (Route Nationale 10). Gut, der Zustand der Strasse widerspiegelt in etwa das Chaos in der Politik...
Verglichen zu Tana ist Tuléar schon recht am "Ende der Welt" - so war jedenfalls mein bisheriger Eindruck. Diesen musste ich nun nach der Reise nach Ejeda revidieren. Ejeda ist noch eine oder zwei Spuren abgelegener und hat dementsprechend auch weniger zu bieten. Gerade für junge Leute, welche einen Beruf erlernen möchten. Sieht man in Tuléar und vor allem Tana sehr viele Internetkaffees, so ist für die Leute in Ejeda der Begriff "Computer" fast ein Fremdwort. Darum haben sie sich auch besonders über die Spende der ADES - vier Computer und ein Drucker - für die technische Berufsschule gefreut. Die Übergabe der Spende und die Installation der Computer waren die Gründe, warum ich überhaupt mit nach Ejeda gefahren bin. Nun wird im Juni ein junger Lehrer von Ejeda nach Tuléar kommen, um während zwei Wochen einen Basis-Computerkurs zu absolvieren - mit mir als Lehrer versteht sich. Ich freue mich schon darauf, obwohl ich eigentlich genug zu tun hätte mit dem Projekt hier. Doch ein bisschen Abwechslung schadet nie. So, nun aber genug gesagt, weiter zu den Bildern der Reise:

Verglichen mit dieser alten Kiste waren wir doch recht komfortabel unterwegs.
Sand und Staub, aus viel mehr besteht die Fahrbahn nicht. Während der Regenzeit verwandelt sich diese Strasse in ein Schlammbad. Zum Glück ist die Regenzeit aber vorbei und alles erblüht in saftigem Grün.
Zum Teil sind die Flüsse schon wieder ausgetrocknet.
Manchmal aber ist noch genügend Wasser zum Baden und Waschen vorhanden.
Zum Glück sind hier alle Fahrzeuge standardmässig mit Partikelfiltern ausgestattet.

Dies ist ein Grab, entweder der ethnischen Gruppe "Mahafaly" oder "Antandroy". Wohl gemerkt nicht etwa ein Familiengrab, sondern das Grab einer einzigen Person.
Ankunft in Ejeda!
Dies ist der Wunderbaum "Moringa". Dieser Baum wächst auch in sehr kargem und nährstoffarmem Boden und kann schon im ersten Jahr eine Höhe von 3 Metern erreichen! Ausserdem sind die Blätter sehr nährstoffreich und essbar. Eine ideale Pflanze also, um abgeholzte Gebiete wieder aufzuforsten.
Ein Ochsenkarren mit einem Fass, welches wahrscheinlich Wasser transportiert. Elektrizität und Wasser sind ein rechtes Problem in Ejeda. Sauberes Trinkwasser gibt es kaum, Strom hat man nur etwa 3 Stunden pro Tag.
Ein bisschen ausserhalb von Ejeda hat die ADES in einem kleinen Dorf eine Demonstration der Solar- und Sparkocher veranstaltet, um die Bewohner dazu zu animieren, vermehrt auf die umweltfreundlichen Produkte zu setzen.
Männer der Mahafaly-Ethnie mit ihren Speeren.
Der Mann in der Mitte hat einen ganz besonderen Rang in der Mahafaly-Ethnie. Er ist nämlich niemand geringerer als deren König! Das lässt nicht nur mich, sondern auch viele Madagassen schmunzeln. Wie viele Könige es gibt und was er genau für eine Funktion hat, das muss ich noch herausfinden.
Immer bei solchen Anlässen werden natürlich mehr oder weniger lange Reden gehalten. Zum Glück konnte ich mich ein bisschen in den Hintergrund zurückziehen und so einen recht unterhaltsamen Vormittag verbringen :-)
Einige Fotos zu den Tieren und Insekten, die man unterwegs so antrifft:

Mistkäfer
Schmetterlinge
Schildkröte. Schildkröten werden übrigens von einigen Menschen hier gegessen - trotz einem Gesetz, welches den Verzehr von Schildkröten verbietet. Zum Glück sind diese Tiere bei den Mahafaly Fady, also Tabu, und können daher ungestört leben.
Eidechse.

Ein weiterer recht langer Anlass war die Übergabe der Spende - Computer und Werkzeuge - an die technische Berufsschule in Ejeda.
War wohl auch für viele Leute ein ungewöhnlich grosser Anlass, weshalb viele Zuschauer zugegen waren.
Schülerinnen und Schüler haben in typischer Kleidung aus der Region Tänze vorgeführt.
Die Band.

Auf der Rückfahrt: Zebus laben sich an einem Wasserloch.
Unser Chauffeur Daniel.
Salz, welches auf einem Markt unterwegs verkauft wird. Dies ist nicht etwa Meersalz, sondern wird aus dem Boden gewonnen.
Und zum Schluss einige weitere Infos:

Thanias Bruder Toky geht nun schon seit drei Wochen nicht mehr in die Schule, weil die Lehrer in Tana streiken. Kein Wunder, wenn die Löhne nicht mehr gezahlt werden. Da sieht man was passiert, wenn das Geld, welches eigentlich für die Bildung bestimmt war, für Ferienhäuser, neue Autos und die sonstigen Bedürfnisse unserer allseits geliebten Spitzenpolitiker investiert wird. Schlimmstenfalls fällt das komplette Schuljahr aus, sprich alle Schüler verlieren ein Jahr. Die Wirtschaft wird noch darunter leiden, wenn in ein paar Jahren plötzlich ausgebildete Leute fehlen. Aber das interessiert die Machthaber hier ja nicht, Hauptsache die eigenen Taschen sind prall gefüllt.

Aber ganz zum Schluss doch noch eine gute Nachricht: ich werde vom 25. Juli bis am 23. August in der Schweiz "zu Gast" sein. Ich freue mich schon sehr drauf!

Euch allen alles Gute und ein schönes Wochenende.

Matthias

Freitag, 13. April 2012

Von wo kommt das Pouletbrüstli und was ist ein Fady?

Wie ihr aus dem vorletzten Bericht wisst, kann man das Frischfleisch bei uns auf dem Markt kaufen. Was ich noch nicht erwähnt hatte war, dass man natürlich auch lebende Tiere kaufen kann. Seien dies grössere Tiere wie Zebus (die hiesigen Kühe), Ziegen und Schafe auf Märkten ausserhalb des Stadtzentrums oder kleinere Viecher wie Hühner, Gänse und Enten gleich neben dem Gemüsemarkt.

Vor einigen Wochen hat uns Thanias Mutter besucht. Zu diesem Anlass haben wir ein Huhn gekauft, welches wir im Solarofen gebraten haben. Vor dem Braten muss man den Gummiadler natürlich zuerst rupfen und ausnehmen. Dies wiederum geht verständlicherweise nur, wenn das Tier nicht mehr lebt - also muss man es schlachten. Nun ist es aber so, dass es für madagassische Frauen verboten ist, Hühner zu schlachten. Dies ist nicht etwa vom Gesetz her so geregelt, sondern kulturell bedingt. Diese Verbote, oder auch Tabus genannt, werden im Madagassischen als "Fady" bezeichnet.

Es gibt viele verschiedene Fady in Madagaskar, welche unter anderem eine Person oder einen Ort betreffen können. Es kann zum Beispiel sein, dass man gewisse Orte in einem Dorf nur Barfuss betreten darf, es ist also Fady - Tabu, verboten - diesen Ort mit Schuhen zu betreten. Auch ein Baum kann Fady sein, er darf also nicht gefällt werden. Diese Fady werden mündlich überliefert und haben ihren Ursprung bei den Vorfahren, welche in der madagassischen Gesellschaft einen sehr wichtigen Stellenwert haben. Respektiert man ein Fady nicht, verärgert man somit die Ahnen.
Die Anwendung der Fady hängt nicht nur vom Ort, sondern auch von der ethnischen Gruppe (offiziell gibt es zirka 20 in Madagaskar, aber in Wirklichkeit gibt es viele andere (Unter-)Gruppen) der Person ab. Für eine Person aus dem Hochland gelten also nicht zwingend die gleichen Fady wie für eine Person von der Küste. Thanias Mutter zum Beispiel kommt von Manakara an der Ostküste und gehört zur ethnischen Gruppe der "Antemoro". Thanias Vater hingegen stammt aus Tana und ist ein "Merina". Während es für Thanias Mutter Fady ist, einen Hund zu halten, bedeutet dies für Thanias Vater kein Problem. Haben sie nun trotzdem einen Hund und kommt der Grossvater aus Manakara zu Besuch, muss der Hund weggesperrt werden, damit ihn der Grossvater nicht sieht und somit sein Fady respektiert wird.
Die ganze Fady-Geschichte ist sehr komplex und für Aussenstehende wie mich meist nur schwer nachvollziehbar. Gleichzeitig ist dieses Thema aber auch sehr spannend - mal lustig, mal erstaunlich, dann wieder traurig. Lustig zum Beispiel, wenn Katzen Fady sind (vor allem in Tuléar und Umgebung) und sich Buschauffeure oder auch Passagiere weigern, diese zu transportieren, während Hühner und Enten, ja sogar Ziegen haufenweise auf den Dächern von Taxi-Brousse anzutreffen sind. Erstaunlich, wenn jemand seinen eigenen Namen nicht nennen darf, weil dieser für ihn etwas sehr wertvolles ist (wenn man diese Personen nach ihrem Namen fragt, muss eine andere Person antworten). Traurig, wenn 14jährige Mädchen von alten Männern als fünfte Ehefrau genommen werden (das gibt es auch hier in Madagaskar, nicht nur in muslimischen Ländern). Oder wenn bei Zwillingen eines der beiden Babys getötet oder ausgesetzt wird, weil das sonst einen Fluch über das ganze Dorf bringen würde (dieses Fady ist vor allem in der Region um Mananjary an der Ostküste Madagaskars verbreitet).

Aber zurück zu unserem Huhn: es musste also von einem Mann geschlachtet werden. Da mein Stolz nicht zuliess, den Wächter für diese Arbeit zu holen, habe ich es halt selber getan:
Es ist eindrücklich, wie viel Kraft so ein kleines Tier entwickelt, wenn es sein nahes Ende kommen sieht.
Gerupft und ausgenommen haben es dann Thania und ihre Mutter.
Voilà, fast wie vom Metzger.
Das erste Poulet in unserem Solar-Ofen.
Und das Resultat lässt sich nach zirka dreistündiger Bratzeit sehen!
Danach stand eine Fahrt mit dem Pousse-pousse und...
... ein Strand-Plausch auf dem Programm.
Ich wünsche euch ein erholsames Wochenende. Nach dem Besuch von Toky und Judy (Thanias Bruder und Sohn der Cousine) steht bei uns zumindest am Samstag "Hütte-Putzen" auf dem Programm :-)

Liebe Grüsse aus dem langsam aber sicher nicht mehr allzu heissen Tuléar.

Matthias

Donnerstag, 29. März 2012

29. März 1947

Zum heutigen Madagassichen Gedenktag zuerst ein Zitat von Klaus Heimer, deutscher hier in Madagaskar lebender Journalist:
Heute jährt sich zum 65. Male der blutige Aufstand der Madagassen gegen die (einstige) Kolonialmacht Frankreich. Die Bilanz der Historiker weist in drei Tagen zwischen 80000 und 100000 Madagassen aus, die am 29. März 1947 und später ermordet wurden.

Offiziell ist Madagaskar seit dem 26. Juni 1960 unabhängig, realistisch gesehen ist die Insel so abhängig wie noch nie zuvor: seit drei Jahren wird das Land von Putschisten regiert, die nur an ihrer Machtstellung interessiert sind, Frankreich kann ebenfalls „sein Territorium“ immer noch nicht los lassen, chinesische Edelholzbarone und indische Geschäftemacher holen raus, was irgend möglich ist, Minengesellschaften versprechen Entwicklung und meinen damit ihre Konzerne…
Man sieht also, die Krise ist hier noch lange nicht überstanden. Experten gehen davon aus, dass Madagaskar durch den Putsch im Jahr 2009 in seiner Entwicklung um 10 Jahre zurückgeworfen wurde. Dies unter Anderem, weil Gelder für wichtige Projekte eingefroren wurden und diese darum zum Stillstand kamen.

Nach diesen weniger erfreulichen Aussichten trotzdem noch einige Fotos:
Am Wochenende gehen wir oft an den Strand. Man sieht dort immer Kinder beim Baden und Plantschen.

Zu Besuch bei einer Bekannten, welche im staatlichen Spital in Tuléar operiert wurde. Ein Vergleich zu Schweizer Spitälern (abgesehen von den im Bild ersichtlichen einfacheren Verhältnissen): Essen wird von Verwandten gebracht, Küchen gibt es in den Spitälern keine. Das gleiche gilt für die Bettbezüge usw. Normalerweise bleibt eine Bekannte oder Verwandte über Nacht beim Patienten zur Wache. Ärzte arbeiten nicht immer an den Wochenenden. Bei einem Notfall kann es also vorkommen, dass Leute sterben, weil kein Personal im Spital ist.
Mir ist aufgefallen, dass ich recht wenig über Blumen, Bäume und Pflanzen berichte. Hier also einige Bilder von Gewächsen, deren genauen Namen ich allerdings nicht kenne:



Die Kokosnüsse sind schon langsam aber sicher reif an den Bäumen bei uns im Garten.
Kakteen fühlen sich bei diesem heissen und trockenen Klima hier sicher auch wohl.
Unseres Wächters Geiss beim Verzehren von Mais.
Ein altes Lastwagen-Wrack hat hier noch nicht ausgedient und bietet einigen Leuten als Unterschlupf. Klingt im ersten Moment zwar lustig, doch eigentlich ist es traurig, kein rechtes Dach über dem Kopf zu haben.
Das wäre es auch für heute, denn trotz des freien Tages arbeite ich, da mehr als genügend zu tun!

Bis bald.

Matthias