Dienstag, 24. August 2010

Huaca Pucllana

Letztens besuchte ich oben genannte archäologische Stätte, welche nur ein paar Blocks von meinem Heim entfernt liegt. Schon faszinierend, solch ein jahrhundertealtes Monument mitten in einer Grossstadt anzutreffen.


Nun ein paar historische Details für diejenigen, die nicht nur die Bilder anschauen:
"Huaca Pucllana" ist Quechua (huaca = verehrtes Objekt oder Ort; pucllana kommt von pucllay = Spiel) und kann als "Platz für rituelle Spiele" übersetzt werden. Tatsächlich war es ein zeremonielles und administratives Zentrum der Lima Kultur - also des Volkes, welches in der Zeit von 200 n. Chr. bis 700 n. Chr. in der Gegend des heutigen Lima gelebt hat. Die Leute haben das Meer verehrt und vor allem Fischfang und Anbau von Gemüse betrieben. Das Zentrum war einerseits ein Ort des Handels, andererseits ein Ort von religiösen Zeremonien. Dort wurden zum Beispiel Frauen und Kinder geopfert.


Im obigen Text habe ich die Sprache Quechua erwähnt. Diese Sprache wurde schon von den Inka gesprochen und ist auch heute noch in einigen Teilen Südamerikas - vor allem in den Anden - weit verbreitet. In Peru ist es in jenen Teilen, in denen es gesprochen wird, eine offizielle Sprache.
Allerdings lernen die Leute diese Sprache nicht in der Schule, so wie wir in der Schweiz eine zweite Landessprache lernen. Dies finde ich eigentlich schade, da es ein wichtiger Teil der peruanischen Kultur ist - denn Spanisch wurde ja erst im 16. Jahrhundert von den Konquistadoren eingeführt. Weitaus tragischer finde ist allerdings, wenn Eltern ihren Kindern kein Quechua mehr beibringen, aus Angst, dass man letzteren beim Spanischsprechen ihre Herkunft anmerkt und sie somit einen schwierigeren Stand haben. Ich denke, Rassismus gegen indigene Menschen ist noch heute ein Problem hier in Peru.
Nichtsdestotrotz oder gerade darum habe ich angefangen, diese Sprache ein wenig zu lernen. Denn es ist sicher von Vorteil, wenn man ein oder zwei Wörter Quechua spricht - je nachdem wohin man reist - und wenn die Menschen dann noch merken, dass ihre Sprache geschätzt und sogar von Ausländern gelernt wird, umso besser.
Das spezielle an dieser Sprache ist aber, dass sie nur in mündlicher Form existiert. Es gibt zwar eine mehr oder weniger offizielle Schreibweise, allerdings können gebürtige Quechua-Sprecher die Sprache meist eben nur sprechen. Zum Glück habe ich aber ein ganz gutes Büchlein zum lernen. Damit und mit der Hilfe einer Arbeitskollegin weiss ich dann jeweils, wie man die Wörter ausspricht.
Bis jetzt kann ich grüssen, mich verabschieden, bitte und danke sagen und häbchläb bis auf 10 zählen.
Quechua lerne ich aber mehr aus Spass und weil es mich interessiert, eine so exotische Sprache mal in den Mund zu nehmen. Je mehr ich dann weiss, desto besser - und was ich nicht weiss, tant pis. Mein Hauptaugenmerk liegt aber auf dem Spanisch, das ist eine todernste Angelegenheit :-).


Wie ihr sicher gemerkt habt, habe ich euch bis jetzt in jedem Bericht mit Fotos verwöhnt. Das liegt nicht nur an der Digitalkamera meines Mitbewohners, sondern auch daran, dass bei uns in der Nähe ein gutes Fotogeschäft ist, welches Filme innerhalb eines Tages entwickelt und Abzüge in exzellenter Qualität macht - und das zu einem Preis, von dem wir in der Schweiz nur träumen können. Ob ihr auch weiterhin in jedem Bericht Fotos bestaunen dürft, hängt also nur davon ab, wie regelmässig ich meine Kamera brauche und wie schnell ich die Filme fülle.


So, für heute habe ich genug geschrieben.

Bis bald.

Matthias

Samstag, 14. August 2010

Meine Mitbewohner

In den zwei ersten Berichten habt ihr vielleicht gemerkt, dass ich mich hier noch nicht so wohl gefühlt habe. Das hat sich jetzt zum Glück geändert. Seit nun einer guten Woche fühle ich mich hier wohl, die Arbeit gefällt mir und mit dem Spanisch läuft es wie schon berichtet auch je länger je besser. Könnt euch also darauf einstellen, dass ich erst nächsten Juli nach Hause komme :-)

Dieses mal werde ich euch unter anderem etwas über meine Mitbewohner berichten. Wir wohnen ja hier zu dritt in einer WG. Von den beiden wurde ich sehr gut aufgenommen und wir verstehen uns auch wunderbar.

Christian
Er ist Fotograf für eine peruanische Zeitschrift. Studiert hat er allerdings etwas, das ich noch nie zuvor gehört habe, nämlich "Zootechnik". Dieses Studium umfasst alles, was Tierzucht und -haltung betrifft. Gefallen hat es ihm hingegen nicht, da er lieber von Anfang an Fotograf gewesen wäre. Doch sein Vater war der Meinung, dass man mit Fotografie alleine kein Geld verdienen kann... Tiere aber hat er noch heute gerne und besitzt auch einen Hund.
Da seine Eltern beide Spanier sind, denken viele Peruaner - vor allem Leute in ländlichen Gebieten - dass er ein Ausländer ("gringo") sei.

Sayo
Dieser Herr ist schon 41 Jahre alt, hat sich aber jung gehalten (vom Aussehen her beurteilt selber, aber von seiner Art her auf jeden Fall schon... :-). Studiert hat er Kommunikation mit Spezialisierung auf Kino. Heute arbeitet er bei einer Medienfirma als Webmaster. Er ist ein absoluter Kinofanatiker was lateinamerikanische Filme anbelangt. Diese Woche zum Beispiel fand ein Filmfestival in Lima statt, für welches er sich extra Ferien genommen hat, damit er möglichst viele Filme schauen konnte. Da er einen Pressepass hat, durfte er jede Vorstellung gratis besuchen.

Die Freundin von Sayo (links) und Christian

Vergangene Woche war ich dementsprechend oft im Kino. Für mich war es interessant, die Filme dieses Festivals zu sehen. Einerseits, weil die Filme so anders sind als die Hollywood Produktionen, wie wir sie bei uns kennen. Und andererseits ist es natürlich auch eine gute Übung für mich, Filme auf Spanisch zu schauen.


Am Donnerstag war mein freier Tag. Da ich nichts anderes zu tun hatte, habe ich Sayo zu einigen Interviews mit Schauspielerinnen und einem Regisseur dreier Filme, die im Moment hier gezeigt werden, begleitet. Er hat meine Hilfe gebraucht, um mit meinem Laptop die Interviews aufzuzeichnen. War interessant da mal hinter die Kulissen zu blicken.


Die Fotos sind übrigens vom Grillabend am Freitag.

Schöne Woche

Freitag, 6. August 2010

Patriotische Peruaner?

Wusstet Ihr, dass jeder peruanische Haushalt während dem Monat Juli eine peruanische Flagge vor seinem Haus wehen hat? Dies hat zwar mit dem Nationalfeiertag vom 28. Juli zu tun, nicht aber etwa mit dem Patriotismus der Peruaner. Vielmehr sind die Bürger per Gesetz dazu verpflichtet, die Flagge zu hissen, denn sonst droht eine Busse (auf jeden Fall habe ich mir das sagen lassen...). Nun ja, andere Länder, andere Sitten.

Sonst geht es mir nicht schlecht - ich habe mich ein bisschen besser eingelebt, mit dem Spanisch komme ich jeden Tag einen Schritt voran und mit der Arbeit habe ich auch angefangen. Bis jetzt habe ich vorallem ein bisschen geschnuppert, was ich so machen werde. Aber hier mal mein persönlicher Arbeitsplan:

Sonntag: Computer-, Mathematik- und Englischkurse und ausserdem Fussballspielen.
Montag: Kochkurs, Aushilfe in der Administration.
Dienstag: Computerkurs für den Informatiker der Organisation, Mithilfe bei der Wartung der PCs und des Netzwerkes.
Mittwoch: Ernährungskurse.
Freitag: Deutschkurs für Mitarbeiterin (sie lehrt mich dafür Spanisch), Bibliothek (es gibt da ein Projekt in einem recht armen Stadtteil, wo die Kinder in dieser kleinen Bibliothek Hilfe bei ihren Hausaufgaben bekommen).
Jeweils an einem oder zwei Abenden in der Woche werde ich auch in Schulen/Universitäten mitgehen, um dort irgend eine Aktivität zu machen. Da bis jetzt Schulferien waren, habe ich da noch keinen Einblick erhalten.
Donnerstag und Samstag sind meine freien Tage...

Hmm tja, das wäre so meine Arbeitswoche. Im Moment ist es noch recht schwierig zu sagen, wie gut mir das gefallen wird. Das wird sich dann zeigen, sobald ich anfange, alleine zu unterrichten und selber für die Kurse verantwortlich bin (bis jetzt habe ich ja immer jemanden begleitet um zuzuschauen).

Draussen ist es übrigens recht kalt und fast immer bewölkt. In den zehn Tagen, die ich nun hier bin, habe ich erst eine Handvoll Sonnenstrahlen gesehen. Drinnen ist es oft nicht viel wärmer - kein Wunder ohne Heizung und mit Fenstern, die man gar nicht ganz schliessen kann.

Zum Abschluss noch einige Bilder meines Heimes:

Mein Zimmer

Wohnzimmer

Küche

Also, bis nächste Woche.

Matthias

Donnerstag, 29. Juli 2010

Meine ersten Tage in Lima

Wie die meisten wohl wissen, bin ich gut in Lima angekommen und herzlichst empfangen worden. Mit dem Visum hat alles gut geklappt (obwohl mir der werte Herr zuerst nur eines für 90 Tage ausgestellt hat und dann nicht sehr motiviert war, dieses zu annullieren und eines für 183 Tage zu machen - schlussendlich hat er dann aber doch nachgegeben). Auch in meinem neuen Heim war mein Zimmer schon bezugsbereit - gut, mal abgesehen von einem Gestell und einem Bett hat es nichts drin... Aber wenigstens ist letzteres schön warm...

Da am 28. Juli der peruanische Nationalfeiertag ist, bleiben diese Woche die Türen der Organisation (La casa de panchita), für welche ich arbeiten werde, während einigen Tagen geschlossen. Somit werde ich erst am Sonntag anfangen zu arbeiten (da die Organisation Kurse und sonstige Aktivitäten anbietet, wird am Sonntag gearbeitet, dafür ist dann freitags und samstags geschlossen).
So wie es bis jetzt aussieht, wird meine Arbeit daraus bestehen, die Computer, Server und Netzwerk zu unterhalten und verschiedene Kurse zu leiten (Computer, Englisch, Mathematik, etc...). Mal schauen, ehrlich gesagt weiss ich selber noch nicht ganz genau, was mich erwartet. Ausserdem ist mein Spanisch noch nicht gut genug, um alleine Kurse zu leiten.

Tja, das mit dem Spanisch ist so eine Sache... Da hätte ich schon mehr erwartet, was meine Sprachkenntnisse anbelangt. Denn lesen und schreiben (also alle E-Mails vor meiner Ankunft) hat ganz gut geklappt. Aber reden und verstehen haben sich jetzt als schwieriger erwiesen, als angenommen. Und das ist sicher mit ein Grund, weshalb ich mich im Moment hier noch nicht so wohl fühle (verglichen mit Madagaskar, wo ich mich sehr schnell "zu Hause" gefühlt habe). Aber gut, da hilft wohl nur "Augen zu und durch" und in ein paar Wochen werde ich mehr wissen.

Gestern haben wir einen Ausflug unternommen. Die Gegend hier um Lima ist sehr trocken, eigentlich eine Wüste, und darum hat es nur wenig Vegetation. Unser Ausflugsziel waren Hügel in der Nähe von Lima, wo es während einigen Monaten des Jahres wegen der Wolken ziemlich feucht ist und deshalb ab einer gewissen Höhe Pflanzen und Blumen hat.

Davor waren wir in einem Restaurant etwas essen, und zwar "Pachamanca". Dies ist ein peruanisches Gericht, welches in einem Erdhügel durch erhitzte Steine gegart wird. Hier mehr Infos dazu:

http://de.wikipedia.org/wiki/Pachamanca


Die Landschaft ist sehr trocken und karg...


... aber ab einer gewissen Höhe...

... wachsen mehr und mehr Pflanzen.

Auf dem Gipfel mit Blick auf das Dorf.

So, für diese Woche wäre es das. Nun hoffe ich, dass ich mich hier gut einleben werde und mir die Arbeit Spass machen wird. Sonst werdet ihr mich auf einmal noch früher wiedersehen, als euch lieb ist :-) Nein, aber soweit sind wir ja noch nicht...

Alles Gute

Matthias

Freitag, 15. Januar 2010

Ab Juli...

wird hier wieder fleissig geschrieben!

Montag, 4. Januar 2010

Mein letztes Stündlein hat geschlagen

Jetzt ist es tatsächlich soweit: diese Woche kehre ich in die Schweiz zurück. Wer hätte gedacht, dass dieses Jahr so schnell vergeht? Ich auf jeden Fall nicht. Was aber wohl so sein muss, wenn es jemandem irgendwo sehr gut gefällt. Und ich will mich auch nicht beklagen. Ich durfte hier ein wunderbares Jahr verbringen und hatte in den letzten Wochen reichlich Zeit, viele Feste zu feiern und mich von all den Leuten zu verabschieden.

Hat es doch noch geklappt mit den schwarz-weiss Fotos. Hier nochmals das Zimmer, in dem ich jetzt über 6 Monate glücklich und zufrieden gewohnt habe.

Na, wer ist denn hier wasserscheu?

Typisch Mamiratra - oder vielleicht auch typisch Kinder. Kriegen sie neue Kleider, und das erste was sie machen: auf Bäume klettern, um Früchte zu pflücken.

Aber gut, Rotsy freut sich immer darüber.

Für all diejenigen, die meine meist wöchentlichen Berichte immer mit Spannung erwartet und mit Genuss gelesen haben: nicht verzagen! Wie viele schon wissen, werde ich im Juli dieses Jahres für ein Jahr nach Peru gehen, um dort als Freiwilliger zu arbeiten. Der Blog wird also bald um ein Kapitel reicher.
Einige werden den Kopf schütteln und sich fragen, wieso ich - jetzt da ich meine Ausbildung abgeschlossen habe - nicht einen Job in der Schweiz suche und mächtig Kohle scheffle.
Nun, das hat mehrere Gründe: einerseits möchte ich etwas von der Welt sehen, einen Einblick in andere Kulturen erhalten und noch eine Sprache lernen (Spanisch, darum gehe ich auch nach Peru...). Abgeschlossenes Studium, noch keine eigene Familie - ich wüsste keinen besseren Zeitpunkt als jetzt, um diesen Traum zu verwirklichen.
Andererseits habe ich in diesem Jahr hier in Madagaskar vieles gesehen, erlebt und gelernt. Zum Beispiel, dass für viele Menschen jeder Tag ein Kampf ums Überleben ist. Oder dass viele junge Erwachsene nicht studieren können, weil die öffentlichen Universitäten nicht genug Kapazitäten haben und die privaten viel zu teuer sind. Um nur zwei Beispiele zu nennen. Wenn ich daran denke, wie verwöhnt wir in der Schweiz mit allem sind, macht mich das schon ein bisschen nachdenklich. Darum kann ich mir im Moment auch nicht vorstellen, einfach in der Schweiz zu arbeiten und zu leben, als wüsste ich von alldem nichts. Was ich mir aber vorstellen kann, ist für eine NGO zu arbeiten. So könnte ich wenigstens einen kleinen Teil dazu beitragen, dass es jemand anderem besser geht.
Vom Jahr in Peru erhoffe ich mir also nicht nur wertvolle Erfahrungen, kulturelle Eindrücke und sprachliche Fähigkeiten, sondern auch die Erkenntnis, wie es mit meiner beruflichen Laufbahn weitergehen soll.

Unser Flugzeug auf der Reise nach Antalaha. Hier beim Zwischenstop in Maroantsetra, wo wir dann eine Nacht verbringen mussten, weil die Maschine nicht mehr lief.

Mänus und mein neues Lieblingsauto: ein Toyota Hilux (würde mich nicht erstaunen, wenn Mänu in der Zwischenzeit einen gekauft hätte :-). Als ich dieses Foto schoss, wussten Mänu und ich noch nicht, dass wir die nächsten 12 Stunden mit 20 anderen Leuten in diesem Auto verbringen würden.

Aber noch nicht genug. Das war die Strasse - und glaubt mir, dies war der gute Teil und sieht besser aus, als es sich tatsächlich anfühlt, wenn man zusammengepfercht hinten auf einem Toyota Hilux sitzt. Trotzdem - oder gerade deswegen - ein unvergessliches Erlebnis.

Das Taxi-B hatte eine Panne und Warten war angesagt. Zu diesem Zeitpunkt unserer Reise waren wir solche Zwischenfälle aber schon gewohnt und nahmen es gelassen.

In Peru werde ich für eine Organisation arbeiten, welche sich für die Rechte von Frauen einsetzt, die als Haushaltsangestellte arbeiten. Dort finanzieren sich mit dieser Arbeit viele Frauen/Mädchen - oft vom Land - ihr Leben/Studium. Leider ist es ein weit verbreitetes Problem, dass eben jene Frauen von ihrem Arbeitgeber oft grob ausgenutzt und/oder Misshandelt werden. Um etwas dagegen zu unternehmen, hat die NGO ein Zentrum geschaffen, wo sich die Frauen zuwenden können. Dort werden unter anderem Kurse - zum Beispiel Englisch, Computer, etc. - aber auch andere Aktivitäten - Sportanlässe, Filmabende, usw. - organisiert. Gleichzeitig können die Frauen über ihre Rechte informiert werden. So wie es aussieht werde ich vom Unterhalt der Computer, über Kurse bis hin zu verschiedenen Aktivitäten überall ein bisschen mithelfen. Obwohl ich mit meinem Kopf noch hier in Madagaskar bin und auch die Zeit in der Schweiz mit euch geniessen werde, freue ich mich trotzdem schon drauf.
Für Interessierte gibt es mehr Infos auf der Internetseite der Organisation: www.gruporedes.org.

Nach der Reise mit Mänu war plötzlich eine Nase mehr im Haus: Anjarasoa, hier gerade mal ein paar Tage alt.

Diesen Donnerstag Nachmittag werde ich also in die Schweiz zurückkehren. Einige Leute haben mir schon angeboten, mich in Zürich abzuholen. Da ich vom Zivildienst aber sowieso ein GA bekommen habe, denke ich, dass ich mit dem Zug bis nach Düdingen fahren werde. Wahrscheinlich wird die Umstellung Madagaskar-Schweiz für mich schwer genug und so habe ich wenigstens ein paar Stunden, in denen ich Zeit habe, zu Hause anzukommen.

Also, bis bald

Matthias

Freitag, 18. Dezember 2009

Trauriges und Lustiges

Letzten Samstag ist ein Arbeitskollege von mir gestorben. Er war mit zwei von den deutschen Freiwilligen in Ankavandra - das ist westlich von Tana und eine verdammt heisse Gegend - um die Landepiste auszubessern. Nach der Arbeit ist er auf dem Rückweg zusammengebrochen und kurz darauf gestorben. Die Todesursache ist nicht bekannt, aber anscheinend litt er schon länger an zu hohem Blutdruck (und da er nicht gerne zum Arzt ging, hat er auch keine Medikamente dagegen genommen). Vielleicht waren die schwere Arbeit und Hitze einfach zu viel. Er war noch ziemlich jung, nur 46 Jahre alt ist er geworden. Er hinterlässt eine Frau und zwei junge Töchter.
Wenn hier in Madagaskar eine Person stirbt, wird sie zu Hause aufgebahrt. Die Freunde, Bekannten und Verwandten gehen dann dorthin, um zu kondolieren. Das haben wir von der MAF am Sonntag Abend gemacht.
Am Montag war die Beerdigung. Zuerst waren wir bei der Familie zu Hause, um den Leichnam abzuholen. Zusammen fuhren wir dann zu ihrer Kirche, welche ganz in der Nähe ist. Nach dem Gottesdienst ging es weiter aufs Land, wo sich das Familiengrab befindet. Das Grab ist eigentlich eine Gruft: die Leute hier werden also nicht wie bei uns im Sarg begraben, sondern in ein Tuch gewickelt in die Gruft zu ihren Vorfahren gelegt. Dabei ist es so, dass ein Mann immer seinem Vater und eine Frau ihrem Ehemann folgt. Kinder oder unverheiratete Frauen werden zu ihren Eltern gelegt (respektive Grosseltern, wenn die Eltern noch leben).

Nun aber zu etwas Lustigem. Lydie hat einmal eine Geschichte erzählt. Ich weiss nicht, ob sie sich wirklich so zugetragen hat, aber hier ist sie:
Ein vazaha und ein Madagasse sind in einem Restaurant. Der vazaha hat als Vorspeise einen schönen Salat bestellt und der Madagasse isst Reis mit Fleisch. Wie es so ist hier in Madagaskar, kriegt man nicht nur Fleisch, sondern auch Knochen. Diese werden dann natürlich - bis auf die Knochen sozusagen *schenkelklopf* - abgenagt. Als der vazaha sieht, wie der Madagasse seinen Knochen bearbeitet , sagt er (ich stelle mir vor mit einer gewissen Geringschätzung):
"Bei uns geben wir solche Knochen den Hunden. Was essen denn die Hunde hier in Madagaskar?"
Meint der Madagasse nur: "Salat".
Ich habe die Geschichte einem Arbeitskollegen erzählt. Der konnte nicht mehr vor Lachen. Darum habe ich mir gedacht, schreib ich die in den Blog.

Letzten Samstag habe ich Lydie und Benja zum Chinesen eingeladen - Lolona konnte leider nicht... Die Frauen arbeiten immer so hart, so habe ich mir gesagt, gehst du mit ihnen ins Restaurant, dann müssen sie für einmal nichts machen (sie hatten ja beide Geburtstag). Was mich verwundert hat: für Lydie war es das erste mal in ihrem Leben, dass sie in einem Restaurant essen war. Schon krass wenn man denkt, dass sich in Europa 16jährige eine Woche Strandurlaub leisten können und hier eine 22jährige noch nie in ihrem Leben auswärts essen war.

Ich lese ja immer, wenn es die Zeit erlaubt, die Freiburger Nachrichten - die kann man als PDF herunterladen. Diese Woche habe ich Werbung von der Migros gesehen - "Preiskracher: Mango für CHF 1.90 pro Stück". Da musste ich schon schmunzeln, als ich daran dachte, dass hier die Mango zwischen 5 und 20 Rappen das Stück kostet.

Diese Woche hat nach langem Hin und Her mein Nachfolger Urs den Weg nach Madagaskar gefunden. Am Tag vor dem Abflug musste er von Aarau nach Genf fahren, um sein Visum zu bekommen. Zu allem Überfluss hat er am Dienstag auch noch den Flug verpasst - respektive war das Check-In früher geschlossen, als auf dem Ticket stand. Aber nun ist er hier. Jetzt arbeite ich ihn ein, bevor ich dann schon bald nach Hause komme.

Bye

Matthias

Dienstag, 8. Dezember 2009

Noch mehr Feste

Letzten Freitag hatten wir eine gelungene Feier. Bis morgens um 2 haben wir gegessen, getrunken und Musik gehört. Für uns Madagassen ist das schon ziemlich spät, bedenkt man, dass wir sonst eher früh zu Bett gehen.


Wie ihr sicher gemerkt habt, habe ich mich gerade selbst als Madagasse bezeichnet. Das ist natürlich ein Witz. Aber viele Madagassen sagen mir, dass ich schon halb Madagasse bin. Das kommt wohl daher, wie ich lebe, mich anpasse und die Sprache lerne. Wenn ich sie auf die Hautfarbe anspreche, raten sie mir immer, mit etwas Kohle nachzuhelfen ;-)


Das Fest letzten Freitag war nur der Anfang: diese Woche hat Lolona Geburtstag, das Hochzeit von Lily ist (hoffentlich) im Dezember oder Anfang Januar, die Taufe von Mamiratra, Rotsy und Anjarasoa findet am 25. Dezember statt, Neujahr, mein Abschiedsfest, Weihnachtsfest bei der MAF, Jakobs Abschied... Fast mehr feiern als arbeiten in meinen letzten Wochen hier. Nicht dass ich etwas dagegen hätte natürlich.

Ein Bild von der anderen Seite der Stadt. Oben auf dem Hügel links sieht man das "Rova", den Königspalast. Heutzutage wohnt natürlich niemand mehr dort. Im Vordergrund Strom- und Telefonkabel, ein "Muss" auf jedem Foto aus der Stadt (gau Mänu ;-).

Hoffentlich langweilen euch die Fotos nicht. Aber da ich jetzt die meiste Zeit nur im Büro herumsitze, sind es halt hauptsächlich welche von zu Hause...

An Lily's Fest wurde draussen gekocht - dort hat es mehr Platz für die ganzen Töpfe.

Die Küche sieht so aus. Nicht gerade Schweizer Standard, doch das Essen ist trotzdem phänomenal.

Im Moment hat Pierrot Men eine Fotoausstellung in der Stadt. Dort werde ich im Verlaufe der nächsten Tage sicher mal vorbeischauen.

Ciao

Matthias

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Nationalhymne

Am Montag Morgen musste ich schnell in die Garage der MAF fahren, um einige Sachen abzuholen. Die Garage befindet sich etwa 3km vom Flughafen entfernt. Auf dem Weg dorthin kommt man am Büro des Bürgermeisters vorbei - das ist etwa zu vergleichen mit der Gemeindeverwaltung in der Schweiz. Auf jeden Fall wurde ich von einem Mann mit Leuchtweste aufgefordert, anzuhalten. Zuerst war ich ein bisschen verblüfft, weil ich nicht wusste, was er genau wollte. Bis mich mein madagassischer Arbeitskollege drauf hingewiesen hat, dass jeden Montag Morgen die madagassische Flagge gehisst und die Nationalhymne gespielt wird. Und wirklich, der Verkehr stand still, weder Autos noch Leute durften einfach an dieser Zeremonie vorbeigehen. Ein Junge hat trotzdem versucht, mit seinem Fahrrad dem Aufpasser zu entwischen. Er wurde allerdings brutal vom Sattel gerissen und musste schlussendlich wie alle anderen warten. Ich fand die Zeremonie aber noch ganz schön (wenn man nicht in Eile ist...). Man sollte das in Düdingen auch einführen, finde ich. Den Stau am Morgen hat man ja sowieso schon, auch der Fahnenmasten steht, fehlt nur noch eine Stereoanlage.

Sascha bei seiner Abschiedsfeier.

Rotsy, der kleine Popstar.

Hiandrisa, welcher gerne und oft tanzt, sobald Musik läuft. Dabei nach dem Motto: Je völler, desto töller. Einmal ist er in einen Tisch getorkelt und ein Teller mit Reis ist zu Bruch gegangen. Einige Leute waren nicht erfreut.

Ramiandry, der ältere Bruder von Hiandrisa. Das sind zwei sehr nette Kerle.

Dieses Bild musste ich einfach zeigen, obwohl die zwei Ladies düster in die Runde blicken. Dafür sieht man die Ähnlichkeit der Schwestern. Links im Bild: Daddy Cool.

Lily mit ihrem zukünftigen Ehemann Jiry. Das hier ist noch nicht die Hochzeit, sondern nur die Feier vor zweieinhalb Wochen.

Domino spielen und dazu Fleisch vom Grill - was will man mehr? Das muss ich auch einführen, sobald ich wieder in der Schweiz bin. Aber Achtung! Ich werde immer besser. Gestern zum Beispiel habe ich Ramiandry und Hiandrisa zweimal geschlagen ;-)

Und noch zwei Bilder von der Zeremonie letzten Freitag. Jakob hat den Orden vom Vize-Premierminister überreicht bekommen. Schade kam der Präsident nicht persönlich, ich hätte mich wirklich köstlich amüsiert. Weil den mag bei uns wirklich niemand. Dieser Ritterorden ist übrigens der höchste Orden, der in Madagaskar verliehen wird. Und Jakob hat ihn sich ganz sicher verdient.



Diese Woche ist speziell, da am Donnerstag Lydie, am Freitag Play und am Samstag Vero Geburtstag haben. Am Freitag werden wir eine kleine Feier veranstalten, um auf dieses alljährliche Ereignis anzustossen.

Ich habe heute Morgen gerade einem Freund von mir geschrieben, dass ich die Zeit, die ich noch in Madagaskar bin, nicht mehr in Monaten, sondern in Wochen zählen muss. Scheisse, wie fliegt doch die Zeit.

In diesem Sinne: bis bald.

Matthias

Mittwoch, 25. November 2009

You just make it round

Wenn man mit jemandem zusammen wohnt, so erfährt man zwangsläufig einiges über sein Leben und seine Vergangenheit. Benja zum Beispiel, so hat er mir erzählt, hat schon allerhand verschiedene Arbeiten gehabt: Nachtwächter bei einer (Vazaha-) Familie, Elektriker, Mechaniker-Assistent bei Helimission, Lastwagenfahrer und jetzt ist er Automechaniker. Angefangen hat er aber als Edelsteinschleifer. Wer hätte das gedacht! Neulich hat er mir ein paar seiner alten Werke gezeigt. Darunter war ein ganz runder Stein. Ich hab ihn erstaunt gefragt, wie er es geschafft hat, den Stein so schön hinzukriegen. Darauf hat er mir ganz trocken und mit einer Selbstverständlichkeit geantwortet: "Yeah you just make it round" ("Ja man macht den Stein ganz einfach rund"). Und er hat nicht mal gemerkt, dass er mich zum Lachen gebracht hat :-) (scheint vielleicht nicht so witzig, wenn es geschrieben wird, aber ich muss noch heute darüber schmunzeln).

Gestern hatten wir eine Abschiedsparty für Sascha, welcher nach zwei Monaten Ferien wieder in die Schweiz zurückgekehrt ist. Wie schnell die Zeit vergeht! Die unten stehenden Bilder vermitteln ein paar Eindrücke dieser Feier:

Jeder hat ein bisschen etwas mitgeholfen - ich zum Beispiel war für das Lagerfeuer zuständig.

Das untere Fenster ist jenes von meinem Zimmer. Das obere von Papas. Da die Decke aus Holz ist und Papa immer Radio hört, komme ich fast jeden Abend vor dem Einschlafen in den Genuss der Hitparade.

Es gab reichlich Fleischspiesse, Salate, Bier und Rum. Ich musste mich mit letzteren allerdings zurückhalten, da ich Sascha nach dem Fest noch an den Flughafen fuhr. Wie schon beim Toms Party Ende März gab es auch gestern wieder eine kulinarische Köstlichkeit. Was von weitem wie gefüllte Teigtaschen ausgesehen hat, waren in Wirklichkeit frittierte Hühnerköpfe. Ich war zwar nicht unbedingt scharf drauf, doch so etwas will probiert sein.

Diesen Freitag findet bei uns im Hangar eine wichtige Zeremonie statt. Jakob kriegt nämlich für seine langjährige Arbeit hier in Madagaskar den "chevalier de l'ordre national" überreicht. Das ist ein Ritterorden für seine Verdienste hier in Madagaskar. Dass der Orden aber ausgerechnet von einem Diktator, der noch dazu illegal an die Macht gekommen ist, unterzeichnet wurde, mutet doch ein bisschen komisch an.
Item, auf jeden Fall ist der organisatorische Aufwand für diese Übergabe recht gross. Deshalb war ich letzte und diese Woche ziemlich oft der Chauffeur für einen Arbeitskollegen, welcher von Ministerium zu Ministerium rennen musste. Mir soll es recht sein - so komme ich aus dem Büro raus und lerne erst recht noch die Stadt besser kennen.

Machts gut.

Matthias

Freitag, 13. November 2009

Ich habe geheiratet

Wusstet Ihr das nicht? Tja, ich auch nicht. Aber anscheinend waren sich einige Leute darüber ziemlich sicher. Diese Woche war ich nämlich mit Lolona beim Zahnarzt. Sie hatte eine Entzündung wegen zwei kaputten Zähnen, welche sie ziehen lassen musste. Da sie nicht wusste, wo die Praxis ist und auch, weil sie Anjarasoa mitnehmen musste, habe ich sie begleitet. Ich habe im Büro ja sonst nicht viel zu tun *Hust*.

Auf jeden Fall haben einige Leute ziemlich komisch geguckt und sich wahrscheinlich ihre Geschichte zusammengereimt. Was ich ihnen nicht unbedingt verüble. Denn wenn ein Weisser mit einer Madagassin und einem fast weissen Baby unterwegs ist, kommen wohl die meisten schnell zu ihren Schlussfolgerungen. Den Vogel hat aber dann der Zahnarzt abgeschossen. Beim Zähne ziehen sagte er so zu Lolona: "Ihr Mann spricht aber gut Madagassisch". Die gute Frau konnte sich nicht mal wehren, weil ihr Mund voll von Werkzeug war. Das setzt dem ganzen noch die Kirsche obenauf.

Verständlich, dass ich mir seit diesem Tag von allen Leuten blöde Sprüche anhören muss. Zum Glück bin ich von Natur aus dem Scherzen nicht abgeneigt...

Das wäre dann also meine Ehefrau, welche auf dem Foto in meinem Alter aussieht. In Wirklichkeit ist sie aber über 30.

Ein paar weitere Bilder von zu Hause:

Hier ein Bild in meinem Zimmer. Links ist mein Bett.

Links im Bild Sascha, mein Vorgänger bei der MAF, welcher jetzt hier in den Ferien ist. Dann die drei Schwestern Lydie, Lily und Vero. Lily heiratet im Dezember. Gestern hatten wir schon mal eine Feier, wo die zwei Familien sich zum ersten mal offiziell getroffen haben.



Auf der Strasse von uns in die Stadt. Hier ein typisches Taxi von Tana.

Und noch ein paar Bilder von Ambositra:


In dem Feld, in welchem die Frauen auf dem Bild arbeiten, haben sie den Reis gesät. Der Reis wird auf so engem Raum gesät, damit man ihn besser überwachen kann (z. B. wegen den Vögeln). Sobald er dann mal eine gewisse Länge hat, wird er in andere Felder umgepflanzt (wie im Vordergrund), wo er mehr Platz zum Wachsen hat.

Der kleine und der grosse Ingenieur bei der Arbeit.


Die ganz kleinen Kinder werden wie auf den drei folgenden Bildern in ein Tuch eingehüllt auf dem Rücken getragen. Manchmal sind die Kinder, welche die Kleinen tragen, selber nicht viel grösser...






Diesen Sonntag hat Luc Geburtstag und startet heute oder morgen eine Fete bei sich zu Hause. Darauf freue ich mich schon. Sonst habe ich ausser Wäsche waschen und Haare schneiden nicht viel auf dem Programm.

Bis dann

Matthias